Geschichte…
Dass Rüdiger Safranski mit seinem Buch Romantik. Eine deutsche Affäre auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste gelangen konnte, ist ein Zeitzeichen. Nach der hemmungslosen Alberei der “Postmoderne” ist es wieder Zeit für ein bissel mehr Ernst; der aber nach Lage der Dinge doch nur paradoxal sein kann. Oder, wie die Romantiker sagten: “ironisch”.
Dass die Philosophie sinnvoller Weise nicht nach ewigen Wahrheiten suchen kann, ist die bleibende Einsicht jener Epoche, die wir rückblickend die Moderne nennen und deren Vortrupp die Romantiker waren: Wie gewiss ein Wissen ist, lässt sich nicht an seinem Gegenstand erweisen, sondern muss am Wissenden selbst geprüft
werden.
Die „Postmoderne“ hat das überhöht zu der fröhlichen Parole: „is’ ja doch alles nur Konstrukt!“, und erweiterte sie zu der gemütlichen praktischen Konsequenz Anything goes.
Mit andern Worten: Nix gilt. Doch noch ist es nicht Abend, da hat sich schon gezeigt: Das war ja auch wieder nur das selbstbequeme Bekenntnis des Philisters: Wahr ist, was nützt. Am Ende bleibt als Prüfstein aller Qualitäten nur „das Bedürfnis“. Wessen Bedürfnis? Nicht die Sachen müssen sich bewähren, sondern die Subjekte. Denn dem kritischen, ironischen Blick des Romantikers bleibt es nicht verborgen: Wir alle haben…
…unser Sach auf Nichts gestellt.
Es ist Zeit für die Rückkehr zur Moderne. Ist es…
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I. …Zeit für eine neue Romantik?
Die Idee einer ganzen, umfassenden Kunst ist relativ jung. Sie ist eine Schöpfung der europäischen Renaissance. Sie galt als Königsweg zur Wahrheit. Denn anders als die theoretischen Wissenschaften – denen sie erst den Weg ebnete – erfasst sie den “ganzen Menschen”. Die vollendete Gestalt wird, als Bild der Idee, zum Leitstern der Kunst. Malerei und Skulptur werden zu ihrem Inbegriff, und Harmonie wird zum Synonym des Schönen. Eine chaotische Natur nach den Gesetzen der Harmonie formieren – das war der Sinn des Fortschritts und galt als Zweck der Geschichte.
Aus dem Geist der Konstruktion entstanden die Wissenschaften und aus ihr die Industrie. Deren Triumphe rechtfertigten sich selbst. Auf die Idee, auf das Schöne und das Wahre kann die praktische Welt des Bürgertums seither verzichten. Der Welt ihre Geheimnisse abjagen und sie verfügbar machen – das war ihr Programm genug. „Das Wahre ist das Wirkliche“, lautet das Bekenntnis des Positivismus: Was ist, trägt nun seine Bedeutung in sich selbst, denn ihr gemeinsamer tragender Grund ist – die Arbeit.
Das war der Punkt, wo die Kunst in einen rebellischen Gegensatz zur Wirklichkeit trat. Sie wurde „rein“ und zweckfrei. Es ist die Stunde der Romantik. Das Bizarre wird interessanter als das Harmonische. Das Schöne nimmt einen subversiven Charakter an: das radikal Andere, das unter Umständen sogar hässlich sein darf – wenn es nur der Wirklichkeit spottet. Der Grundcharakter der romantischen Kunst ist ausdrücklich: Ironie. Sie macht die Unwahrheit, die logische Indifferenz des Wirklichen sichtbar. Ein besseres Verhältnis zur Wahrheit hat sie nicht. Seither wird auch, anstelle der Malerei, immer mehr die Musik zum Inbegriff der Künste – als die am wenigsten „positive“ unter ihnen.
Denn das Wahre ist kein Etwas, das „ist“; sondern das, was schlechthin gelten soll. Es bezieht sich gar nicht auf die Dinge, sondern auf das, was ich tue. Es ist
keine theoretische Kategorie, sondern eine ethische. Und eine ästhetische: „Die Gesetze der Moral sind auch die der Kunst“, schrieb Robert Schumann, und sprach das Programm der Romantik aus, die am Anfang der “Moderne” steht.
Und jetzt, am Abend der “Moderne”, am Ende der “Post”-Moderne? Ist die Zeit für eine neue Romantik “reif”?
Der Antwort auf diese Frage sind diese Seiten gewidmet.
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Das Wort romantic ist in England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgekommen und bezeichnet die Charakteristiken der – damals spezifisch französischen – Literaturgattung le roman. Es wird eine Geschichte erzählt mit klarem Anfang und klarem Ende, in ungebundener Form, mit womöglich mehreren Handlungssträngen, Verwicklungen und überraschenden Wendungen. Der Roman unterscheidet sich vom herkömmlichen Epos dadurch, dass das Geschehen aus der Perspektive einer Hauptperson, oder doch mit Perspektive auf eine Hauptperson berichtet wird, so dass ein „roter Faden“ erkennbar bleibt.
Das Wort selbst bezeichnet seine französische Herkunft: Eine romantz war im Mittelalter eine Erzählung, die in der „romanischen“ Umgangssprache des Volks geschrieben war – statt im gelehrten Latein. Zwar wurde sie auch – von den Troubadouren etwa – in der Versdichtung verwendet; typisch war sie aber für den formal ungebundenen erzählenden Prosatext, der in Latein nicht vorkam. So ist etwa der Perceval des Chrétien de Troyes nicht gereimt, im Unterschied zu Wolframs (jüngerem) Parzival (der vermutlich zunächst nur mündlich vorlag).
Den Brüdern Schlegel kam der Roman wegen all dieser Eigenschaften als die typische Kunstgattung der „Moderne“ vor, weshalb sie den Terminus romantisch selbstverständlich auf ihre eigenen Produktionen anwendeten. Charakteristische Weise hat es den romantischen Roman dann nie gegeben. Die Lucinde ist formal und inhaltlich schwach auf der Brust, im Ofterdingen fehlt es an jeglicher Verwicklung und jedem Funken Ironie (von andern Schwächen nicht zu reden; Novalis war ein besserer Philosoph als ein Dichter); der Godwi ist eine ebenso virtuose wie schülerhafte Stilübung „nach allen Regeln der Kunst“. Am ehesten dem ‚vollendeten’ Typus des romantischen Romans kommt der Kater Murr
nahe – der, um das romantische Maß voll zu machen, Fragment geblieben ist; aber nicht, wie es scheinen mag, weil der Dichter die Handlungsknoten nicht mehr zu entwirren wusste, sondern weil er – mit der Auflösung fertig im Kopf - unterm Schreiben verstorben ist.
Allerdings schrieb der Verfasser des Katers Murr schon früh: Die Musik sei „die romantischste aller Künste, da ihr Vorwurf nur das Unendliche“ ist.*
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*) E. Th. A. Hoffmann in: Fantasie- und Nachtstücke, München 1960; S. 39
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III. Ironie ist das Wesen des Romantischen

Dass ein gelehrtes Werk wie Rüdiger Safranskis Buch über “Romantik – eine deutsche
Affäre” bis an die vorderen Plätze der Bestellerlisten vordringen konnte, war selbst schon ein Zeitzeichen!
Safranskis Buch präsentiert sich als das Panorama einer Epoche: der deutschen Romantik. Was die Fachkritik bemängelte, nämlich dass ihm ein bisschen der rote Faden und die besondere Pointe fehle, war sicherlich die Voraussetzung für dessen Erfolg beim großen Leserpublikum. Es werden keine schwindelerregenden Interpretationen entwickelt, kein extravagantes Garn gesponnen, sondern mit kräftigen Strichen das Bild einer geistigen Bewegung entworfen, die wie keine andere die Kultur der Deutschen bis heute geprägt hat.
Im guten oder auch in einem schlechten Sinn?
Dass diese Frage eine vieltausendköpfige Leserschaft bewegen konnte, eignet sich selber zu jener besonderen Pointe, an der es Safranskis Darstellung fehlt! Wenn man es nämlich als eine Antwort auffasst auf die Frage, ob unsere Zeit für eine neue Romantik “reif” ist.
Der spezifische Charakter des Romantischen sei das Ungewisse, wird Oscar Wilde zitiert. In der voran gegangenen Epoche der Aufklärung und des Rationalismus hatte es nur “noch”-Ungewisses gegeben: Morgen schon würde es gewiss geworden sein; oder doch wenigstens gewisser. Die Romantiker, die ab 1794 in Jena
auftraten, meinten hingegen, dass gerade das, worauf es am meisten ankommt, seinem Wesen nach ungewiss ist.
Die Grundüberzeugung vom ebenso grenzenlosen wie unaufhaltsamen Fortschreiten der Erkenntnis teilen die positiven Wissenschaften mit dem Rationalismus, und müssen es. Sie haben den Siegeszug der Großen Industrie ermöglicht, dem die romantische Ungewissheit nicht lange widerstehen konnte. Dennoch war die romantische Grundhaltung der wesentlichen Ungewissheit das Moderne an der Moderne. Das positivistische Selbstvertrauen des Industriezeitalters war eine kostspielige Täuschung.
Wir stehen am Ende des industriellen Zeitalters und wissen nicht, was nachher kommt. Mehr Ungewissheit war nie. Kein Wunder, dass das Romantische neue Zuwendung erfährt. “Anything goes”?! Die ‘Postmoderne’, die uns die wieder wachsenden Ungewissheiten der Welt zu einer permanenten Casting-Show verharmlosen wollte, hat fertig. Das Ungewisse ist eine ernste Sache.
Aber nur mit Ernst, nur in Ungewissheit lässt sich das Leben nicht aushalten. Würde ich tatsächlich an Allem und Jedem zweifeln, das mir begegnet, würde ich kaum die nächste Viertelstunde über die Runden bringen. “Wohl wissend”, dass ich in einer Welt lebe, in der “nichts gewiss” ist, muss ich doch immer so tun, als ob.
Und das Bewusstsein davon, dass dies so ist, nannten die Romantiker Ironie.
Der im Alltag eingerichtete Normalmensch, der seinen Geschäften nachgeht und auf seinen Vorteil achtet – wissend, dass, wer nehmen will, auch geben muss -; also derjenige,
den die Romantiker einen Philister nannten: der kennt Ironie nur als ein Stilmittel, das ihm gelegentlich gute Dienste leistet. Der hält sich unter der Woche die Ungewissheiten auch sorgsam vom Hals und hebt sie auf für die Rateshow am Samstagabend (und es ist wahr, ihrer sind noch viele). Ironie verwenden sie nur als List, und darum misstrauen sie ihr bei allen Andern.
Romantische Ironie ist aber eine Weltsicht. Im Wortlaut der Sätze muss sie sich gar nicht zu erkennen geben. Sie ist vielmehr die Folie, vor der sie überhaupt erst ihren… na ja, ihren “Sinn” erhalten, der eben nicht Ja ja, nein nein lautet, sondern sozusagen “in der Schwebe” ist. Und fragt man: “Meinst du das ernst?”, dann heißt es: “Wie man’s nimmt.” Den alltäglichen Verkehr erleichtert es nicht. Das war auch nicht der Ehrgeiz der Romantiker. Denn die Ungewissheit war ihnen ja nicht nur Verlust an Berechenbarkeit – den begrüßten sie gar noch! Sie war ihnen vor allem: der Gewinn neuer Möglichkeiten. Und die fangen immer erst einmal mit neuen Denkmöglichkeiten an:
“Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen,
dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es”, lautet ein Satz von Novalis, den Safranski immer wieder zitiert. Und als den vollendeten dichterischen Vertreter dieser Ironie (die Theoretiker waren Novalis und Fr. Schlegel) nennt er völlig richtig E.T.A. Hoffmann,
bei dem ein Archivarius auch mal als Salamander und eine Alraune auch als Minister auftritt. Es ist nicht so; aber wenn es so wäre?
Es ist witzig. Aber ist es Scherz und Laune? “Witz ist eine ernste Sache”, sagte Johann Gottlieb Fichte, in Jena der philosophische Leuchtturm
der frühen, der wahren Romantik. Denn wer immer es ganz, ganz ernst nimmt mit den Sachen, findet “im Grunde” – wenn überhaupt – nur ein Paradox. Was ist ‘das Wahre’? “Wie sollte nicht jeder Satz über das Absolute und Transzendente nur unter ironischem Vorbehalt gesprochen werden dürfen? Endliches zu sagen [andere Wörter haben wir ja nicht, J.E.] über das Unendliche kann und darf nur ironisch sein. Ironie gehört deshalb in jede Philosophie, die das Ganze zu begreifen versucht”, schreibt Safranski, und schließt mit dieser Frage Friedrich Schlegels: “Ist sie nicht wirklich die innerste Mysterie der kritischen Philosophie?”
Bei der Epoche, die derzeit untergeht, handelt es sich nicht bloß um zweihundert Jahre Kapitalismus und Industriezeitalter. Das Eindringen der Neuen Medien und Informationstechniken in die materiellen Fertigungsvorgänge selbst kündigt das Ende von zehn-, zwölftausend Jahren Arbeitsgesellschaft an. Doch wie bei den alten Griechen zwischen zwei Tragödien zur Erholung eine Komödie geschoben wurde, haben wir zunächst einmal die Farce
der “Postmoderne” erlebt. Da war nur Geistreichelei und keine Ironie – die wäre ihr “zu ernst” gewesen. Die Frage nach dem Wahren führt nämlich erst dann in ein Paradox, das nur in Ironie zu ertragen ist, wenn man sie sich stellt.
In diesem Sinne – dass die Zeitenwende, die auf uns zu kommt, ernst genug wird, um uns zu der Frage nach dem Wahren zu veranlassen, für deren paradoxalen Gang wir uns schon jetzt in Ironie rüsten sollten – glaube ich wirklich, dass uns eine “neue Romantik” und, wenn man es so will, eine Neue Moderne bevor steht.
Und weil wir Deutschen eben eine romantische, will sagen zwiespältige und paradoxale Nation sind, müssen wir uns vielleicht wieder einmal hervor tun.
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Romantik ist allerdings “eine deutsche Affäre”, denn nirgends ist Ironie so nötig und in der Geschichte so gegenwärtig, wie bei uns!
Der hervorragende Zug im deutschen Nationalcharakter ist, spätestens seit dem dreißigjährigen Krieg, seine Zerrissenheit. Was ‘das Deutsche’ sei, war daher immer umstritten. Was hat nicht alles schon – und mit demselben Recht! – als “typisch deutsch” gegolten: Pedanterie und Überschwang, Plumpheit und Poesie, Innerlichkeit und Aggression, gemütliches Selbstgefallen und himmelstürmender Größenwahn, Tiefsinn und Technik, Dumpfheit und Dialektik, Romantik und Realpolitik, der gottergebene Fleiß des Ackerviehs ebenso wie faustisches Genie; Beamtendünkel und versonnene Philosophen, Kunst und Ursprung, Dämon und Philister; Weltanschauung und Schrebergarten, Todesverachtung und Vollwertkost. Aber alles gründlich!
Gegensätze gibt es wohl auch bei den andern. Doch als typisch wird dort jeweils nur eins von beiden gelten. Bloß für uns sind die zwei Extreme immer gleich-charakteristisch: “Dass der Deutsche doch alles zum Äußersten treibet / Für Natur und Vernunft selbst, die nüchterne, schwärmt!” heißt es in Goethes Zahmen Xenien, und die zwei Seelen, ach, in seiner Brust kann ein Deutscher gar nicht mehr nennen, ohne dass es abgedroschen klingt. ‘Das Deutsche’ ist immer auch… das Gegenteil; seinem Wesen nach offenbar unbestimmt, aber das mit aller Schärfe.
Die andern großen Nationen schauen sich selbst in einem
lebendigen verbindlichen Menschenbild an, in dessen charakteristischen Zügen die Spuren der gemeinsamen Geschichte lesbar sind. Der englische gentleman personifiziert die historische Vereinigung von Adel und Großbürgertum zur typisch britischen Oligarchie, im französischen citoyen
verbinden sich der plebejische Stolz des Sansculotten mit römischer Staatsvergötzung, der amerikanische pioneer
vereinigt den beengten Blick auf den nächstliegenden Vorteil mit einer kontinentalen Weite des Horizonts. Die tausendfach zersplitterten Deutschen haben als Nationaltype lediglich den Michel
hervorgebracht, und zu ihrem legitimen Repräsentanten stieg er eben nach dem dreißigjährigen Krieg auf! Michel ist das anschauliche Symbol für die Verspätung der deutschen Nationwerdung. Er verkörpert die Selbstverachtung und das Selbstmitleid der Deutschen, er ist eine Negativfigur, derer man sich schämen muss.
Kein Wunder! Denn die Bildung eines Volkes zur Nation ist Sache eines um seinen freien Inneren Markt siegreich kämpfenden Bürgertums. Es waren aber die deutschen Städte, die vom dreißigjährigen Krieg verwüstet und entvölkert waren. Was an Bürgertum übrig war, duckte sich ängstlich unter den Stand der Duodez-”Reichsfürsten”, denen eine deutsche Nation ein Gräuel war. Das Problem der deutschen Verspätung war das Problem unserer rachitischen Bourgeoisie. An Emanzipation war nicht zu denken, als höchstes Lebensziel konnte unser Bürger davon träumen, “bei Hofe zugelassen” zu werden. Und wie ging das? Durch Anbiederung an das höfische Beamtentum. Und das Mittel dazu war Bildung! In den Salons, in den Theatern und den Musiksälen konnten sich deutsche Bürger “gleichrangig” fühlen mit den Edelleuten, und – wer weiß? – vielleicht wurde man wie Goethe und Schiller sogar geadelt. Bildung war der deutsche Ersatz für bürgerliche Befreiung.
Genau 200 Jahre nach dem westfälischen Frieden hat dann die Pariser Juniinsurrektion dem Professorenparlament in der Paulskirche einen solchen Schrecken eingejagt vor der “roten” Revolution, dass unserer Bourgeoisie nichts anderes übrig blieb, als unter Bismarck dem preußischen Leutnant
die Stiefel zu küssen. Das waren unsere Nationaltypen: der preußische Leutnant und der deutsche Professor, und dazwischen – wankend – der Korpsbursche; Vater, Sohn und hl. Geist: die Dreifaltigkeit des deutschen Gesamtphilisteriums.
Dagegen erwuchs vor guten hundert Jahren der Wandervogel,
der zur Jugendbewegung ausuferte, zu der Jugendbewegung, die das Beiwort “deutsch” nicht braucht, weil sie sowieso einzig war. Sie knüpfte direkt und ausdrücklich an die Romantik an, und Ironie war ihr neben der Blauen Blume – wer weiß das schon noch? – gar nicht fremd; war doch ihr Ideal das vogelfreie Fahrende Volk, “ehrlos bis unter den Boden”!
Denn katzbuckelnde Spießer, rüpelhafte Leutnants und dünkelhafte Akademiker waren nie das ganze Deutschland. Nur – während die kraftstrotzenden Bourgeoisien der andern Nationen ihre produktive Energie frei in ihre Tagesgeschäfte verausgaben konnten, musste das gedemütigte niedere Volk in Deutschland seinen Drang gegen sich selber kehren, musste ‘das Ich sich setzen, indem es sich sich-selbst als Nicht-Ich entgegensetzt’! Später sollte Marx spotten, bei den Deutschen fänden Revolutionen immer nur im Geiste statt. Aber immerhin – dort fanden sie statt; statter als sonst wo!
Nein, der deutsche Michel ist nicht das ganze Deutschland. Dazu gehören noch Kant und Fichte,
Marx und Engels, Schopenhauer und Nietzsche – lauter, mit Verlaub, radikale Denker! Diese Radikalität ist sicher nicht für jeden Deutschen typisch geworden. Aber sie kommt doch nur bei uns vor. Nämlich immer da, wo sich deutscher Tiefsinn mit abendländischem Scharfsinn paart.
Auch der Hang zu Endlösungen stammt freilich aus dieser Mischung, er vereint Radikalität mit Pedanterie, und das nennt er gründlich. Aber da liegt der Abgrund: Er vereint! Wirft sie zusammen in einen
Topf und verrührt sie zu einer trägen Masse. Sie gehören zusammen, allerdings – aber so wie Licht und Schatten, nicht als Grauton, sondern als Spannung, als Konflikt. Und das macht uns wiederum noch ein bisschen abendländischer als unsere Nachbarn.
Selbstverständlichkeit kennzeichnet nämlich nicht den Reichtum abendländischer Kultur, sondern die Fülle ihrer konkurrierenden Werte.
Die reichste Kultur ist eine solche, wo die Anordnung, die Umordnung der Werte prozessierend immer wieder neu geschieht – im Meinungskampf der Öffentlichkeit. Es sind die Problematizität und der Widerstreit mannigfaltiger Gebote, die dieser Kultur ihren Tonus verleiht und dem Einzelnen die eigne Wahl, nämlich eine persönliche Bildung (da ist sie wieder!) zumutet. Das gibt es nur im Abendland,
und in diesem Sinne kann man sagen, nirgends sei das Abendland abendländi- scher als zwischen Rhein und Oder, zwischen Baum und Borke; bei uns. Da, wo alles, was gilt, stets voll und ganz gelten will, und sich ipso facto in der Schwebe hält.
Ich sage nicht, dass jeder Deutsche zum Ironiker taugt, ach herrje. Aber die deutsche Kultur als Ganze, ich meine: als ganzer Strom, ist selbst ironisch. Wenigstens, wenn man sie mit Abstand betrachtet. Aber dann – ja, dann wird man selbst zum Ironiker.
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…war das Inbild der Romantik: als ihr Gegner.
Der Romantiker ist einer, der vor allen Dingen den Philister jagt – aber wie seinen eigenen Schatten! Dieser ist nichts ohne jenen. Auch darum sind wir Deutschen sicher die “romantischste” Nation von allen: Weil wir von den einen so viele haben, wimmelt es von den andern.
Zwar ist keine Gattung so naturwüchsig international wie der Spießer. Wir alle tragen irgendwo einen kleinen Spießer versteckt in unserer Brust. In unsern lausigen bürgerlichen Verhältnissen hat sich jeder von uns schon öfter, als er zugeben mag, unter so manches Joch gebeugt und ist in so manchen A… gekrochen. Stolz darauf ist keiner: “Das hast du getan, sagt meine Gedächtnis. Das kannst du nicht getan haben, sagt mein Stolz. Nach einer Weile gibt mein Gedächtnis nach.” (Nietzsche)
Der Spießer ist einer, der Sein Gedächtnis prophylak
tisch auf Eis gelegt hat. “Freiheit ist Einsicht in die Notwen- digkeit”, und darum wird er sich nie etwas vorzuwerfen haben. Das sind die ‘Leute mit dem pathologisch reinen Gewissen’. Es gibt eine Sorte Stolz, die ganz ohne Gedächtnis auskommt: die nennt man Dünkel (lat. vanitas = eine der sieben Todsünden). Der erfüllt den Spießer bis zum Scheitel.
Wie gesagt, einen kleinen Spießer trägt jeder von uns im Herzen. Die Frage ist immer nur, wie groß er ihn werden lässt.
Es gibt einen Berufsstand, in dem dieser angenehme Wesenszug stärker konzentriert ist als anderswo, und der ist im Bildungs-beflissenen Deutschland seit hundertfünfzig Jahren wirkmächtiger als sonst wo: Das ist der Stand der Kinderkümmerer. Sie haben schon immer das Beste gewollt, von Hause aus. Wer einmal den Entschluss gefasst hat, mit Kindern sein Geld zu verdienen (statt mit Versicherungen oder Obst und Gemüse), wie sollte der fehlen können? Denn selbst, wenn er ein Mal (1 x) nicht Recht ‘haben’ sollte, so wird er doch immer ‘im’ Recht ’sein’. Er ist der Normalmensch, ihn können sich alle zum Vorbild nehmen. Darum darf – und will – er Kinder auch erziehen: “Erziehung ist Liebe und Beispiel.” Soll heißen, er ist das Beispiel, und darum wird man ihn ja wohl auch lieben müssen, oder?
Ist jeder Kinderkümmerer ein Spießer?
Wenn er nicht energisch dagegen angeht, ja.
Kein normaler Mensch ist absichtlich ein Spießer. Und da
keiner ein Spießer sein will, mag er auch den, den er in seiner Brust trägt, nicht wahr haben. Er erkennt ihn nicht. Also muss er ihm von seinen Freuden vor Augen geführt werden. Dann lacht er laut auf, schüttelt sich und jagt den albernen Patron zum Teufel. Man muss den kleinen Spießer aus seinen Winkeln in den Herzen herauslocken, hervorrufen (lat. pro-vocare), ans Licht zerren und… zum Tempel hin-aus lachen.
Freilich, beim Vollblutspießer sind Hopfen und Malz verloren. Er ist nicht bloß brav, bieder und betulich, sondern auch besorgt, bierernst und bedeutsam. Er denkt positiv; vor allem von sich. Seine Welt ist aufgeräumt, das hat eine höhere Intelligenz (derer er kraft richtiger Gesinnung teilhaftig ward) so gefügt.
Betroffen ist er gern, vor allem, wenn Publikum zuschaut, doch getroffen fühlt er sich selten. Sein Lieblingsgedanke: “Ich danke dir, HErr, dass ich nicht bin wie jene!” Gelacht hat er sein Lebtag nur über andere, und lacht ein Mal einer über ihn, dann ist er entrüstet: Der Tugend höhnen? Unerträglich!
Untrügliches Merkmal: Der Spießer ist humorlos. Das Reinigungsmittel, das unfehlbar die kleinen Spießer austreibt und die großen kenntlich macht, ist das Lachen. (Katharsis nannten das die alten Griechen, und dazu hatte sie ihre Komödie.) Denn gegen Argumente ist er immun. Er wird immer irgendwas anderes – gerade in diesem Moment! – “wichtiger” finden, und er wird Bedenken tragen, “ob man das denn so sagen kann”; nicht, weil er selber zimperlich wäre, ach wo, sondern in Rücksicht auf “die andern”. An seinen Rücksichten und Bedenken meint man zu ersticken wie an ungepresster Watte oder an gehackten Borsten.
Der Spießer ist in eminentem Sinn ungebildet. Das bedeutet aber nicht, dass er nicht trotzdem allerhand gelesen haben mag. Manch einer hat gehört: Den
Spießer erkennt man an der Humorlosigkeit. Darum höhnt und feixt er vor- sorglich über alles, was ihm über den Weg läuft. Um’s Himmels Willen nicht als Spießer erkannt werden! Eher noch als Hanswurst oder Giftspritze… Den “Spötter” hat er sich als Kostüm angezogen. Aber den Spießer erkennt man immer noch daran, dass unter dem Kostüm… nix is: Red’ ihm über was Ernstes, und er ist verloren.
Man kann den Spießer zur Selbsterkenntnis nicht verführen. Ein bissel seiner selbst spotten? Da bräche die ganze Fassade ein: Was er wie Selbstironie vorträgt, ist eine kaum verhohlene Art des Eigenlobs. Mit dem Spießer gibt es kein Kompromisseln. Jeden Fußbreit Boden, den man ihm kampflos preisgibt, verbucht er als verdienten Sieg und geschuldeten Tribut an seine Vernünftigkeit. Die Konzessionen, die man ihm macht, sind nur Konzessionen an sein Selbstgefallen.
Aber: Das Gefährlichste am Kampf gegen die Spießerei ist die Gewöhnung; die Gewöhnung nämlich an… den Kampf gegen die Spießer! Denn von allen Dünkeln der spießigste ist der, man könne seinen eignen innern Spießer ein für alle mal hinter sich bringen, und sei dann vor ihm sicher. Doch wann immer einer länger als eine Viertelstunde mit sich zufrieden ist, wächst ihm heimlich einer nach.
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Der Mensch sei nur da wirklich Mensch, wo er spielt, schrieb Friedrich Schiller an der Wende zum neunzehnten Jahr- hundert. Da war selbst in England die industrielle Revolution erst noch in ihren Anfängen. Und unter Spiel verstand der Dichter immerhin eine recht ernste Sache, nämlich im eminentesten Sinn die Kunst. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga sollte den Gedanken später in die Formel “homo ludens” fassen.
Zwar, schon im Mittelalter hatte es geheißen: “ora et labora”, aber das war nur für die Mönchsorden gedacht. Für den einfachen Mann war Feiern und Faulenzen eine völlig ehrbare Sache. Mit all seinen Heiligenfesten neben dreiundfünfzig Sonntagen hatte das katholische Jahr mehr Feierabende als Werktage. Erst nach Schillers Tod, und in Deutschland erst eine Generation danach, sollte das radikal anders werden. “Arbeit ist der Sinn des Lebens” und “Wer nix arbeitet, soll auch nix essen” lautet die imperative Moral des industriellen Zeitalters. Des Menschen Leben findet seine Bestimmung als Anhängsel zur Maschine. Homo faber als Arbeitnehmer.
Zweihundert Jahre nach Schiller hören wir allenthalben: Die Industriegesellschaft geht zu Ende, und mit ihr all ihre moralischen und kulturellen Maßstäbe. Zwar wird noch immer viel
Geld verdient, und noch immer in höchst ungleicher Verteilung. Doch mit den Performances der Unterhaltungskunst wird schon ebenso viel Umsatz gemacht wie mit der Montage von Autos. Und es wird noch mehr! Die IT-Branche ist und bleibt der gewaltige Wachstumssektor, und sein Schrittmacher ist die Unterhaltungselektronik. Was wird uns in der Zukunft die Arbeit als Sinn und Zweck der Welt ersetzen? “Das Wissen”? Wessen Wissen, und wovon? Oder gar “die Medien” selber?
Wir wissen nur so viel: Das emsige Nach-Machen, das geduldige Vervielfältigen, das Re-Produzieren wird es nicht länger sein. Erfinden, Entwerfen, Projizieren wird in ungeahntem Ausmaß die wirtschaftlichen Aktivitäten bestimmen – sofern man sie denn “wirtschaftlich” überhaupt noch nennen kann. Also doch eher ein Spiel? Wird Homo ludens den Homo faber besiegen?
Arbeit und Spiel und Kunst
Arbeit und Spiel unterscheiden sich nicht in technologischer, nicht in ‚ergonomischer’ Hinsicht. Ist Arbeit das, was Mühe -, und Spiel das, was Spaß macht? Je tiefer das Kind im Spiel versinkt und ‚sich vergisst’, umso mehr Energie verbraucht es – und schwitzt. Manchem macht seine Arbeit – manchmal – Spaß. Warum aber so selten? Nicht, weil er schwitzt, sondern weil er sie nicht gewählt hat: Ein andrer hat sie ihm übergeholfen.
Da kommen wir der Sache schon näher. Arbeit erscheint umso mühseliger, macht umso weniger Spaß, je mehr sie einem fremden Zweck unterliegt. Arbeit ist gebundenes Tun nach vorgegebenem Zweck. Spiel ist freies Tun ohne Zweck; oder: nach einem Zweck, der „sich findet“ – in dem, mit dem, durch das Spiel.
Nur mit der Schönheit solle der Mensch spielen, sagt Schiller;
und mit der Schönheit solle er nur spielen. Denn das haben Kunst und Spiel gemeinsam: eine Sache um ihrer selbst willen tun. Arbeit ist eine Tätigkeit, die um eines Andern, nämlich eines Zweckes willen geschieht. Der Zweck ist ihr Was, die Unbotmäßigkeit des toten Stoffs bestimmt das Wie: An der Sicherheit, mit der sie den Stoff dem Zweck anverwandelt, misst sich ihre Qualität. Und wenn es möglich wird, die Tätigkeit zu ersparen und ihre Qualität den Maschinen einzubauen, umso besser. Industriearbeit, Lohnarbeit ist die „reine“ Form der Arbeit. Nicht logisch, aber historisch, und darauf kommt’s an. Sie ist die Art von Tätigkeit, die gesellschaftlich gilt – qua Tauschwert, denn der ist der allgemeinste Zweck.
Spiel dagegen wird „um seiner selbst willen“ getan. Aber was bedeutet das? Dass es „befriedigt“? Dann wäre die Befriedigung Zweck, nicht die Tätigkeit, und wir würden uns im Kreise drehn. Das Eigentümliche am Spiel ist aber, dass vorher nicht feststeht, ob es befriedigen wird oder enttäuschen. Das Eigentümliche am Spiel ist sein offener Ausgang. Dass es also keinen Zweck hat. Es werden Folgen eintreten, wie bei allem, was man tut. Aber man weiß nicht, welche. Man kann sie nicht „bedenken“. Man mag sie erahnen oder erhoffen, aber man muss es wohl drauf ankommen lassen… Spiel ist Risiko, und das Risiko ist sein Zweck. Es lebt vom Zauber des Unbestimmten. Arbeit dagegen will Bestimmtheit.
Eine Werden und Vergehen, ein Bauen und
Zerstören in ewig gleicher Unschuld hat in
dieser Welt allein das Spiel des Künstlers
und des Kindes.
Nietzsche
Die Unbestimmtheit der Zwecke – dass man erst sehen wird, was es werden soll, wenn es etwas geworden ist -, das macht Kunst zum Spiel. Die Künstler der Vergangenheit waren sich ihrer Zwecke freilich sicherer als die heutigen. Sie wussten sich beauftragt. Zuerst von geistlichen, dann von immer weltlicheren Mächten. Erst als der Markt die Künstler vom Geheiß der Auftraggeber befreit und ihre Existenz aber auch unsicher gemacht hatte, wurde der Ausgang der künstlerischen Tätigkeit offen. Kunst trat in einen polemischen Gegensatz zur Bürgerlichkeit – d. h. zur Arbeit. Der Künstler wurde vor die Tür gesetzt und lebt seither in einem Reich des Ungewissen. Wie die Kinder. Nur am Sonntag ließ man ihn in die gute Stube: wie die Kinder. In ihnen beiden hat unser Gattungsstil überlebt, als Residuum. Der Vergleich von Kunst und Kindheit ist mehr als eine Metapher. Denn ist der Künstler immer ein bisschen wie ein Kind, so ist das Kind, mit Maurice Ravel zu reden, „von Natur künstlich“.
Der Erwachsene veraltet
In der Industrieproduktion selbst wird heute das Erfinden von Neuem wichtiger als die Reproduktion vorgegebener Zweckformen. Die Tugenden der Arbeitskultur – berechnen, assimilieren, saldieren – werden entwertet. Wenn der Arbeitsprozess streckenweise selbst den Charakter von Spiel annimmt, dann wird „Chaosqualifikation“ funktioneller als Bestimmtheit; vielleicht das Kernproblem am Standort Deutschland, wo man jetzt Inder braucht, weil man die Kinder zu viel lernen lässt. Die elektronischen Informationssysteme machen es sinnfällig: Wer sich ins Internet einklinkt, spielt mehr als dass er arbeitet; er surft. Funktionalität nimmt selbst den Charakter von Unbestimmtheit an. Rationalität, die unsere
Zivilisiertheit ausmachte, gerät außer Kurs.
Und mit der Arbeit schwindet auch die Arbeit der Kinder: das Lernen. Cyberworld hält Einzug nicht erst ins Arbeitsleben, sondern schon in die Klassenzimmer – und alles, was sich überhaupt „lernen“ lässt, lernt früher oder später auch der Computer. Beim Informations- management hat er den Menschen weit überholt. Will der ihn dennoch beherrschen, muss er sich nicht länger zum Spezialisten bilden, sondern zum Fachmann fürs Allgemeine – mit dem freien Willen als seinem „Betriebssystem“. Selbst der Haupteinwand der Romantik gegen die bürgerliche Lebensweise, die Vereinseitigung der Menschen durch die Wahl ihres Berufs, fällt nun nicht mehr ins Gewicht. Im Zeichen von „lebenslangem Lernen“ wird die spezifische Arbeit der Kinder zu einer unspezifischen Tätigkeit von Allen, und die Erwachsenheit veraltet. Zugleich hört Kindlichkeit auf, ein Residuum zu sein, und verbreitet sich vom Souterrain aus über die anderen Etagen – bis in den bürgerlichen Alltag. Die Hürde fällt hin. (Allerdings geht es jetzt auch in der guten Stube nicht mehr so feierlich zu.) Das selbst gemachte Wirkungsgefüge der Arbeitsgesellschaft lockert sich, das Wertgesetz schwindet. Es sieht gar aus, als kehrten wir zu unserm Ursprung zurück.
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Das Einzigwirkliche ist das “Dasein”, alias unser Erleben hier-und-jetzt.
Da wir aber mit der schlimmen Gabe der Vernunft geschlagen sind, können wir uns dabei nicht beruhigen. Wir müssen in Allem einen Sinn erkennen können; d. h. Etwas, das unser Erleben hier-und-jetzt so erscheinen lässt, als ob es darüber hinaus noch eine Daseinsweise “an sich”, außerhalb von Raum und Zeit hätte.
Das ist eine Fiktion, aber eine, auf die wir um unseres Seelenfriedens willen nicht verzichten können. “Moral ist die Zuordnung eines Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem
Dauerzustand”, sagt der Mann ohne Eigenschaften. Moral und Vernunft sind insofern dasselbe. Oder, wie Joh. Fried. Herbart richtig eingesehen hat: Jedes Wahrnehmen, das eo ipso von Beifall oder Missfallen begleitet wird, ist ein ästhetisches.
Diese Grundeinsicht: dass das Einsehen vor dem Erkennen, dass das Wertnehmen vor dem Wahrnehmen, dass das Ästhetische vor dem Faktischen kommt und dass Ethik lediglich ein Sonderfall von Ästhetik ist; und dass darum zum Beispiel ‘Bilden’ vor ‘Lernen’ rangiert – diese Grundeinsicht zu entwickeln und, so Gott will, zu popularisieren und womöglich im deutschen Bildungssystem geltend zu machen: dazu will ich ein Scherflein beitragen. Und darum betreibe ich Propaganda für eine neue Romantik.
JochenEbmeier










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