Es ist eine Frage der Selbstachtung. Ein Leben, das sein Maß nicht außer sich sucht, ist ohne Würde. So lebt der Wurm.


„Den Menschen unterscheidet vom Tier…
…dass ihm sein Dasein rätselhaft vorkommt; und dass ihn das freut.“

Das Ästhetische steht eo ipso in Gegensatz zum diskursiven Denken – insofern jenes Ökonomie der Vorstellung ist; nämlich als Produktion von bezweckten Ergebnissen (‚Schlüssen’) aus vorliegendem Stoff (‚Gründen’), und zwar sparsam: die Gründe müssen zureichen, aber man bemüht davon nicht mehr als nötig; beides zusammen: das Argument muß zwingend sein. Denn das bedeutet: jederzeit reproduzierbar.
Sieht man ab zuerst auf die Zwecke der Vorstellung, ergibt sich das Bild der Teleologie. Sieht man dagegen ab auf die hinreichenden Gründe, ergibt sich das Bild der Kausalität – beide sind Vorder- und Rückseite desselben Vorstellungskomplexes, der sich, d. h. den wir Rationalität nennen. In jedem Fall geht es um das Hervorbringen, Ableiten oder Konstruieren der Vorstellungsgehalte; nicht, wie im ästhetischen Erleben, um wahr&wertnehmen uno actu. Darum kann man es, anders als jenes, wollen – und muß es wollen, weil es „nicht von alleine kommt“.


Wer etwas Unendliches will, der weiß nicht was er will. Aber umkehren läßt sich dieser Satz nicht.
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Friedrich Schlegel, Kritische Fragmente N° 47

ie notwendigen Förmlichkeiten der Kunstphilosophie arten aus in Etikette und Luxus. Als Legitimation und Probe der Virtuosität haben sie ihren Zweck und Wert, wie die Bravourarien der Sänger, und das Lateinschreiben der Philologen. Auch machen sie nicht wenig rhetorischen Effekt. Die Hauptsache aber bleibt doch immer, daß man etwas weiß, und daß man es sagt.
Es beweisen oder gar erklären wollen, ist in den meisten Fällen herzlich überflüssig.
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riedrich Schlegel, Fragmente, aus N°82
“Die Moral sagt schlechthin nichts bestimmtes. Sie ist das Gewissen, eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen”…
…notierte Novalis, als er Fichte gehört hatte. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass man Sittlichkeit nicht lernen kann wie irgend ein Pensum. Kann aber darum keiner was für den andern tun? Muss jeder wieder ganz allein aufbrechen und sehen, wo er bleibe? Nachdem so viel geschehen ist in der Geschichte und sich schon so viele vor uns an den Rätseln der Welt versucht haben? Dann hätten sie uns all ihre Zeugnisse ja ganz umsonst nachgelassen! Nein, definieren lässt sich das Rätsel vom Sinn allerdings nicht. Aber es lässt sich zeigen.
Unter den hinterlassenen Reichtümern der vergangenen Generationen ist kaum einer, der ganz allein dem Stoffwechsel diente und der Erhaltung des Leben so, wie es war. Fast jeder Gegenstand, jedes Werk weist in seiner Gestaltung einen kleinen Überschuss – Entwurf, disegno, design – auf, der nicht nötig gewesen wäre zu seinem bloß sachlichen Nutzen. Dieses Mehr betrachten wir als seine ästhetische Seite. Sie war immer auch eine Art Stellungnahme zur Frage nach dem Sinn der Welt, mal mehr, mal weniger absichtlich. Und je mehr sein Schöpfer jeweils selber meinte, in seinem Werk die Frage beantwortet zu haben, umso sicherer erkennen wir Kunst darin, und die ist uns noch rätselhafter als die Natur, weil sie sich selbst für eine Lösung hält.
Seit der Romantik nun, als die Kunst modern wurde, bescheidet sie sich, nein: macht sie sich’s zur Ehre, das Rätsel nur noch darzustellen. Sie begibt sich ausdrücklich in Gegensatz zu Industrie und Wissenschaft, die beide versprechen, spätestens morgen zu klären, was heute noch im Dunkeln liegt. Industrie und Wissenschaft behalten Recht, denn das Leben geht weiter. Doch je besser sie uns das Leben und die Welt erklären, um so deutlicher wird auch, dass deren Sinn nicht in ihnen liegt, sondern außerhalb, als das immer neue Problem.
Als solches lässt es sich nicht begreifen und erlernen, sondern nur anschauen. Sein Medium ist nicht Logik, sondern Ästhetik. Das ist ein Erleben, wo nicht das Urteil erst – nach Analyse und Kritik – auf die Wahrnehmung folgt, sondern „auf einmal“ mit ihr selbst gegeben ist, uno actu. Nicht dass es aller Kritik entzogen wäre. Es ist nicht diskursiv, aber darum ist es noch lange nicht irrational; doch erst einmal muss es da sein, und das muss jeder selbst vollbringen – andemonstrieren lässt es sich nicht.
Das unterscheidet Bildung von Lernen. Güter lassen sich wägen und messen, aber Werte muss man erlebt haben. Auf Unterrichtseinheiten kann man es nicht verteilen, und methodischer Fleiß würde nur stören, denn er verengt das Wahrnehmungsfeld. Darstellbar ist es nicht als Argument und Kalkül, sondern in Bildern und Geschichten. Es erschließt sich nicht durch Analyse, sondern durch Betrachtung. Als die Hingabe an das Unbestimmte steht sie dem Spiel näher als der Arbeit. Sie ist der „ästhetische Zustand“.
Merke:
“Ethik und Aesthetik sind Eins.”
Ludwig Wittgenstein
Tractatus logico-philosophicus, Satz 6.421
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Euler sagt in seinen Briefen über verschiedene Gegenstände aus der Naturlehre (2. Band, S. 228.), es würde eben so gut donnern und blitzen, wenn auch kein Mensch vorhanden wäre, den der Blitz erschlagen könnte. Es ist ein gar gewöhnlicher Ausdruck, ich muß aber gestehen, daß es mir nie leicht gewesen ist, ihn ganz zu fassen. Mir kommt es immer vor, als wenn der Begriff sein etwas von unserm Denken Erborgtes wäre, und wenn es keine empfindenden und denkenden Geschöpfe mehr gibt, so ist auch nichts mehr. So einfältig dieses klingt, und so sehr ich verlacht werden würde, wenn ich so etwas öffentlich sagte, so halte ich doch so etwas mutmaßen zu können für einen der größten Vorzüge, eigentlich für eine der sonderbarsten Einrichtungen des menschlichen Geistes. Dieses hängt wieder mit meiner Seelenwanderung zusammen. Ich denke, oder eigentlich, ich empfinde hierbei sehr viel, das ich nicht auszudrücken im Stande bin, weil es nicht gewöhnlich menschlich ist, und daher unsere Sprache nicht dafür gemacht ist. Gott gebe, daß es mich nicht einmal verrückt macht. So viel merke ich, wenn ich darüber schreiben
wollte, so würde mich die Welt für einen Narren halten, und deswegen schweige ich. Es ist auch nicht zum Sprechen, so wenig als die Flecken auf meinem Tisch zum Abspielen auf der Geige.
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Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher Heft K, N°45

Man kann nur Philosoph werden, nicht es sein. Sobald man es zu sein glaubt, hört man auf es zu werden.
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Friedrich Schlegel, Athenaeums-Fragmente N°54

…keine Fässer, die gefüllt, sondern Flämmchen, die entfacht sein wollen.

Francois Rabelais zugeschrieben

Durch das Planlose Umherstreifen durch die planlosen Streifzüge der Phantasie wird nicht selten das Wild aufgejagt, das die planvolle Philosophie in ihrer wohlgeordneten Haushaltung gebrauchen kann.
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Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft J, N°1550
Wahr ist es, immer habt Ihr uns Deutschen vorgeworfen, daß wir von jenem Scherz verlangten, er solle noch etwas anderes bedeuten, als eben den Scherz selbst und ich will Euch recht geben, wiewohl in ganz anderm Sinn, als Ihr es wohl meinen mögt. [...] Sehe ich einen tollen Kerl durch greuliche Grimassen das Volk zum Lachen reizen, so kommt es mir vor, als spräche ein ihm sichtbar gewordenes Urbild zu ihm, aber er verstände die Worte nicht und ahme, wie es im Leben zu geschehen pflegt, wenn man sich müht, den Sinn fremder, unverständlicher Rede zu fassen, unwillkürlich die Gesten jenes sprechenden Urbildes nach, wiewohl auf übertriebene Weise, der Mühe halber, die es kostet. Unser Scherz ist die Sprache jenes Urbildes selbst, die aus unserm Innern hinaustönt und den Gestus notwendig bedingt durch jenes im Innnern liegende Prinzip der Ironie…
[Die Urdarquelle ist] nichts anderes, als was wir Deutschen Humor nennen, die wunderbare, aus der tiefsten Anschauung der Natur geborne Kraft des Gedankens, seinen eigenen ironischen Doppeltgänger zu machen, an dessen seltsamlich Faxen er die seinigen und – ich will das freche Wort beibehalten – die Faxen des ganzen Seins hienieden erkennt und sich daran ergetzt.
aus: E. T. A. Hofmann, Prinzessin Brambilla, in: Späte Werke, München 1965, S. 246f; S. 258

Man könnte den Menschen so den Ursachen-Bär, so wie den Ameisen-Bär nennen. Es ist etwas stark gesagt. Das Ursachen-Tier, wäre besser.
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Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft J, N° 1826
Man rühmt den Nutzen der Überlegung in alle Himmel; besonders der kaltblütigen und langwierigen, vor der Tat. Wenn ich ein Spanier, ein Italiener oder ein Franzose wäre: so möchte es damit sein Bewenden haben. Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten. “Die Überlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach, als vor der Tat. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der Entscheidung selbst, ins Spiel tritt:
so scheint sie nur die zum Handeln nötige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken, dagegen sich nachher, wenn die Handlung abgetan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem sie dem Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was in dem Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt zu werden, und das Gefühl für andere künftige Fälle zu regulieren. Das Leben selbst ist ein Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich mit dem Handeln wie mit dem Ringen.
Der Athlet kann, in dem Augenblick,
da er seinen Gegener umfaßt hält, schlechthin nach keiner anderen Rücksicht, als nach bloßen augenblicklichen Eingebungen verfahren, und derjenige, der berechnen wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung setzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den kürzeren ziehen, und unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag es zweckmäßig und an seinem Ort
sein, zu überlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner niederwarf, oder welches Bein er ihm hätte stellen sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfs, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt, der wird, was er will, in keinem Gespräch durchsetzen; viel weniger in der Schlacht.
Zeichnungen: Albrecht Dürer, Illustrationen zu einem Ringer-Lehrbuch
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Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke und Briefe, München 1965, Bd. II, S. 337f.
Wenn der Mensch in diesem Alleinsein, in diesem Leben mit sich selbst, diesem widersprechenden Mittelzustande zwischen natürlichem Zusammenhange mit einer natürlich vorhandenen Welt, und zwischen dem höheren Zusammenhange mit einer auch natürlich vorhandenen, aber mit freier Wahl zur Sphäre erkornen voraus erkannten und in allen ihren Einflüssen nicht ohne seinen Willen ihn bestimmenden Welt, wenn er in jenem Mittelzustande zwischen Kindheit und reifer Humanität, zwischen mechanisch schönem und menschlich schönem, mit Freiheit schönem Leben gelebt hat, und diesen Mittelzustand erkannt und erfahren, wie er
schlechterdings im Widerspruche mit sich selber, im notwendigen Widerstreite 1) des Strebens zur reinen Selbstheit und Identität, 2) des Strebens zur Bedeutenheit und Unterscheidung, 3) des Strebens zur Harmonie verbleiben, und wie in diesem Widerstreite jede dieser Bestrebungen sich aufheben und als unrealisierbar sich zeigen muß, wie er also resignieren, in Kindheit zurückfallen oder in fruchtlosen Widersprüchen mit sich selber sich aufreiben muß, wenn er in diesem Zustande verharrt, so ist Eines, was ihn aus dieser traurigen Alternative zieht, und das Problem, frei zu sein, wie ein Jüngling, und in der Welt zu leben wie ein Kind, der Unabhängigkeit eines kultivierten Menschen, und der Akkommodation eines gewöhnlichen Menschen, löst sich auf in Befolgung der Regel:
Setze dich mit freier Wahl in harmonische Entgegensetzung mit einer äußeren Sphäre, so wie du in dir selber in harmonischer Entgegensetzung bist, von Natur, aber unerkennbarerweise, solange du in dir selbst bleibst.
aus: Friedrich Hölderlin, Über die Verfahrungsweise des poetischen Geistes, in: Sämtliche Werke, Frankfurt a.M. ,1961, S. 977f.

Was man gewöhnlich Vernunft nennt, ist nur eine Gattung derselben; nämlich die dünne und wäßrige. Es gibt auch eine dicke feurige
Vernunft, welche den Witz eigentlich zum Witz macht, und dem gediegenen Styl das Elastische gibt und das Elektrische.
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Friedrich Schlegel, Kritische Fragmente, N°104

Hay que caminar.
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Wege gibt es nicht. Du musst gehen.

Mit der Vernunft ist es wie mit dem Wesen des Menschen. Sie ist nur, indem sie wird. Anders „ist“ sie nicht.
Terminus ad quem? „Unendliche Annäherung“?
Der Steuermann, der sich auf hoher See am Polarstern orientiert, will nicht ihm sich annähern, sondern dem andern Ufer; endlich.

Das Lächerliche ist nicht beißend. Lachen ist ein Krampf. Die Ursache des Lachens muß also von einer plötzlichen Entladung der gespannten Aufmerksamkeit – durch einen Kontrast entstehn. Ähnlichkeit mit dem elektrischen Funken. Der echte Komiker muß ernsthaft und wichtig aussehn, wenn er eine Posse macht. (Ironie. Parodie. Travestie. – Die Verkleidung ist ein Hauptbestandteil des Lächerlichen.) Alles, was die Aufmerksamkeit erregt und nicht befriedigt, ist lächerlich. – Nur das plötzliche Abspannen der Aufmerksamkeit ist aber die eigentlich lachenmachende Operation…
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Novalis, Neue Fragmente N°1196, aus: Projekt Gutenberg

Witz ist eine Explosion von gebundnem Geist.
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Friedrich Schlegel, Kritische Fragmente N°90
Genie sei der einzige unbedingte menschliche Wert, er sei der menschliche Wert schlechthin, sagte er. … “Ich sage bloß, wo immer wirklich ein neuer Wert ins menschliche Spiel kommt, steht Genialität dahinter!”
“Wie kann man denn wissen, ob etwas ‘wirklich ein neuer Wert’ ist? … Und dann überhaupt, ob der Wert auch wirklich etwas wert ist!” …
“Man spürt es auf den ersten Blick”, meinte Ulrich.
“Ich habe mir sagen lassen, dass man sich auch schon auf den ersten Blick geirrt haben soll!”
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Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hg. A. Fris‚ Hamburg 1952, S. 1112
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Das Schönste, das wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht.
Albert Einstein
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zit. nach: Ernst Pöppel, Lust und Schmerz, München 1995, S. 15
Es ist eine Frage der Selbstachtung. Ein Leben, das sein Maß nicht außer sich sucht, ist ohne Würde. So lebt der Wurm.


Witz ist Zweck an sich, wie die Tugend, die Liebe und die Kunst.

Friedrich Schlegel, Kritische Fragmente, aus N°59

Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er wird sich also wohl entschließen müssen, beides zu verbinden.

Friedrich Schlegel, Athenaeums-Fragmente N° 53
Die Einbildungskraft setzt überhaupt keine feste Grenze; denn sie hat selbst keinen festen Standpunkt; nur die Vernunft setzt etwas Festes, dadurch, daß sie erst selbst die Einbildungskraft fixiert. Die Einbildungskraft ist ein Vermögen, das zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung, zwischen Endlichem und Unendlichem in der Mitte schwebt. … Jenes Schweben eben bezeichnet die Einbildungskraft durch ihr Produkt: sie bringt dasselbe gleichsam während ihres Schwebens, und durch dieses Schweben hervor. 
Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, PhB/S. 136
Dieser Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich und unendlich zugleich setzt – ein Wechsel, der gleichsam in einem Widerstreite mit sich selbst besteht, und dadurch sich selbst reproduziert, indem das Ich Unvereinbares vereinigen will, jetzt das Unendliche in die
Form des Endlichen aufzunehmen versucht, jetzt, zurückgetrieben, es wieder außer derselben setzt, und in dem nämlichen Momente abermals es in die Form der Endlichkeit aufzunehmen versucht – ist das Vermögen der Einbildungskraft.
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Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, Philosophische Bibliothek, S. 134f.
Durch so viel Formen geschritten,
durch ich und wir und du.
Doch alles blieb erlitten
Durch die ewige Frage: wozu?
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Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde spät bewusst:
Es gibt nur eines: Ertrage -
Ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
Dein fernbestimmtes Du musst.
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Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere –
Was alles erblühte, verblich.
Es gibt nur zwei Dinge: die Leere
Und das gezeichnete Ich.
Gottfried Benn
Ausdrücklich und ganz bestimmt durch das Nichtphilosophieren, d. h. dadurch, daß man zur philosophischen Abstraktion sich nie erhoben oder von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hineinversetzt, entsteht uns alle Realität; und umgekehrt, sowie man sich zur Spekulation erhebt, verschwindet diese Realität gänzlich. Nun ist das Leben Zweck, keinesfalls das Spekulieren; das letztere ist nur Mittel. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben zu bilden; es liegt in einer ganz anderen Welt. Was auf das Leben Einfluß haben soll, muß selbst aus dem Leben hervorgegangen sein. Es ist lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.
Worin man befangen ist, was man selbst ist, kann man nicht erkennen; man müßte aus demselben herausgehen, aufhören, es zu sein, sich auf einen Standpunkt außerhalb desselben stellen. Dieses ist die Spekulation; dieser Standpunkt außer dem wirklichen Leben kein Satz einer Philosophie, die sich selbst kennt, ist in dieser Gestalt, noch verlangt zu sein, ein Satz für das wirkliche Leben; sondern er ist entweder ein Hilfssatz des Systems, um weiter fortzuschreiten, oder, wenn die Spekulation über einen Punkt des Nachdenkens geschlossen [ist], ein Satz, zu dem erst die Empfindung und Wahrnehmung hinzukommen muß, um im wirklichen Leben brauchbar zu sein. Die Philosophie, selbst [wenn] vollendet, kann die Empfindung nicht geben, und diese ist das ein[z]ige wahre ist sie. Nur inwiefern es diesen höhern Standpunkt und diese beiden entgegengesetzten Standpunkte gab, ist es dem Menschen möglich, sich selbst zu erkennen. Man kann leben und vielleicht der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren; man kann leben, ohne das Leben zu erkennen. Aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren. Also – inneres Lebensprinzip.
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Johann Gottlieb Fichte, Rückerinnerungen, Nachfragen, Antworten in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 118ff.
Das wunderbarste, das ewige Phänomcn, ist das eigene Dasein. Das größeste Geheimnis ist der Mensch sich selbst – Die Auflösung dieser unendlichen Aufgabe in der T a t .ist die Weltgeschichte. – Die Geschichte der Philosophie, oder der Wissenschaft im Großen, der Literatur als Substanz, enthält die Versuche der idealen Auflösung dieses idealen Problems – dieser gedachten Idee. Dieser Reiz kann nie aufhören zu sein – ohne daß wir selbst aufhörten sowohl der Sache als der Idee nach. So wenig also die Weltgeschichte aufhört – das Sein en gros, so wenig wird das Philosophieren oder das Denken en gros aufhören.
Wenn man aber bisher noch nicht philosophiert hätte – sondern nur zu philosophieren versucht hätte – so wäre die bisherige Geschichte der Philosophie nichts weniger als dies, sondern nichts weiter als eine Geschichte der Entdeckungsversuche des Philosophierens.
Sobald philosophiert wird, gibt es auch Philosopheme, und die reine Naturgeschichte (Lehre) der Philosopheme ist die Philosophie. Jede Affektion schreibt der Mensch einer andern Affektion zu, sobald er zu denken anfängt.
(Jeder Gedanke ist – in Rücksicht auf seinen Grund – ein Philosophem, denn dies heißt einen Gedanken im Großen betrachten – in seinem Verhältnis zum Ganzen, an dem er ein Glied ist.)
So überträgt er den Begriff von Ursache, den er zu jeder Wirkung hinzudenken muß, zum Behuf einer Erklärung auf ein außer ihm befindliches Wesen – ohnerachtet er sich in einer andern Rücksicht zu der Überzeugung gezwungen fühlt, daß nur er selbst sich affiziere – diese Überzeugung bleibt aber trotz ihrer Evidenz auf einem höhern Standpunkt auf einem niederen, id est für den bloßen Verstand unbegreiflich – und der Philosoph sieht sich daher, mit voller Besonnenheit, eingeschränkt urteilen. Auf dem Standpunkt des bloßen Urteilens gibt es also ein Nichtich. Der geheimnisvolle Reiz für die Urteilskraft zu erklären, was auf diesem Wege ewig unerklärbar ist, bleibt also trotz der Übersicht des Philosophen, und muß, damit die Intelligenz bleibe, in alle Ewigkeit so bleiben.
Passiv fühlt sich demnach der Mensch nur auf der Stufe des bloßen Urteilens.
Begreifen werden wir uns also nie ganz; aber wir werden und können uns selbst weit mehr als begreifen.

Urteil ist im höchsten und strengsten Sinne die ursprüngliche Trennung des in der intellektualen Anschauung innigst vereinigten Objekts und Subjekts, diejenige Trennung, wodurch erst Objekt und Subjekt möglich wird, die Ur=Teilung. Im Begriffe der Teilung liegt schon der Begriff der gegenseitigen Beziehung des Objekts und Subjekts aufeinander, und die notwendige Voraussetzung eines Ganzen, wovon Objekt und Subjekt die Teile sind. »Ich bin Ich« ist das passendste Beispiel zu diesem Begriffe der Urteilung, als Theoretischer Urteilung, denn in der praktischen Urteilung setzt es sich dem Nichtich, nicht sich selbst entgegen.
Wirklichkeit und Möglichkeit ist unterschieden, wie mittelbares und unmittelbares Bewußtsein. Wenn ich einen Gegenstand als möglich denke, so wiederhol ich nur das vorhergegangene Bewußtsein, kraft dessen er wirklich ist. Es gibt für uns keine denkbare Möglichkeit, die nicht Wirklichkeit war. Deswegen gilt der Begriff der Möglichkeit auch gar nicht von den Gegenständen der Vernunft, weil sie niemals als das, was sie sein sollen, im Bewußtsein
vorkommen, sondern nur der Begriff der Notwendigkeit. Der Begriff der Möglichkeit gilt von den Gegenständen des Verstandes, der der Wirklichkeit von den Gegenständen der Wahrnehmung und Anschauung.
Sein - drückt die Verbindung des Subjekts und Objekts aus.
Wo Subjekt und Objekt schlechthin, nicht nur zum Teil vereiniget ist, mithin so vereiniget, daß gar keine Teilung vorgenommen werden kann, ohne das Wesen desjenigen, was getrennt werden soll, zu verletzen, da und sonst nirgends kann von einem Sein schlechthin die Rede sein, wie es bei der intellektualen Anschauung der Fall ist.
Aber dieses Sein muß nicht mit der Identität verwechselt werden. Wenn ich sage: Ich bin Ich, so ist das Subjekt (Ich) und das Objekt (Ich) nicht so vereiniget, daß gar keine Trennung vorgenommen werden kann, ohne, das Wesen desjenigen, was getrennt werden soll, zu verletzen; im Gegenteil das Ich ist nur durch diese Trennung des Ichs vom Ich möglich. Wie kann ich sagen: Ich! ohne Selbstbewußtsein? Wie ist aber Selbstbewußtsein möglich? Dadurch daß ich mich mir selbst entgegensetze, mich von mir selbst trenne, aber ungeachtet dieser Trennung mich im entgegengesetzten als dasselbe erkenne. Aber inwieferne als dasselbe? Ich kann, ich muß so fragen; denn in einer andern Rücksicht ist es sich entgegengesetzt Also ist die Identität keine Vereinigung des Objekts und Subjekts, die schlechthin stattfände, also ist die Identität nicht = dem absoluten Sein.
aus: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke, Frankfurt a. M. 1961, S. 547f.
Tätigkeit ist die eigentliche Realität. Weder Gegenstand noch Zustand sind allein rein zu denken. Durchs Reflektieren mischt sich das Entgegengesetzte hinein und selbst schon durchs Streben – Begehren – denn beides sind identische Handlungen. Der Begriff der Identität muss den Begriff der Tätigkeit enthalten – des Wechsels in sich selber.
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Novalis, Fichte-Studien, in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 83
Das Gedächtnis ist der Individualsinn - das Element der Individuation. N°1248
Der Witz ist schöpferisch – er macht Ähnlichkeiten. N°1298
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Novalis, Neue Fragmente, aus: Projekt Gutenberg
Man kann Humor haben, ohne intelligent zu sein. Doch kann man intelligent nicht sein ohne Humor.
Scharfsinnig kann man auch ohne Humor sein. Scharfsinn ist das Vermögen, Unterschiede zu erkennen, die nicht ins Auge springen.
Intelligenz ist Gedächtnis plus Humor. Allein das Gedächtnis bildet den Sinn für die Unterschiede. Der Humor sieht Bezüge dort, wo man sie nicht erwartet.
Gedächtnis kann man trainieren. Humor nicht. Doch der will unterhalten werden.
Ich komme vom Gebirge her, es dampft das Tal, es braust das Meer. Ich wandle still, bin wenig froh, und immer fragt der Seufzer: wo? Die Sonne dünkt mich hier so kalt, die Blüte welk, das Leben alt, und was sie reden, leerer Schall, ich bin ein Fremder überall.
Wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht, geahnt und nie gekannt. Das Land, das Land so hoffnungsgrün, das Land wo meine Rosen blühn, wo meine Freunde wandelnd gehn, wo meine Toten auferstehn, das Land, das meine Sprache spricht, o Land wo bist du?
Ich wandle still, bin wenig froh, und immer fragt der Seufzer: wo? Im Geisterhauch tönt’s mir zurück: Da wo du nicht bist, da ist das Glück.
Schmidt von Lübeck
Im praktischen Felde geht die Einbildungskraft fort ins Unendliche, bis zu der schlechthin unbestimmbaren Idee der höchsten Einheit, die nur nach der vollendeten Unendlichkeit möglich wäre, welche selbst unmöglich ist.
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Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, PhB S. 138
Daß der menschliche Geist “notwendig etwas Absolutes außer sich setzen muß und dennoch von der andern Seite anerkennen muß, daß dasselbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann. Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will. Über diesen Zirkel hat man nun nicht Ursache, betreten zu sein. Verlangen, daß er gehoben werde, heißt verlangen, daß das menschliche Wissen völlig grundlos sei, daß es gar nichts schlechthin Gewisses geben, sondern daß alles menschliche Wissen nur bedingt sein, und daß kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, daß derjenige, aus dem er folgt, gelte. Mit einem Worte, es heißt behaupten, daß es nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird.”[1] Das absolute Wodurch ist nicht gegeben, sondern denknotwendig, nicht Faktum, sondern Fiktum. Es “kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, daß ihm
in der wirklichen Welt außer uns etwas entspräche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in unserm Bewußtsein vor.”[2]
“Nie ist das, was man tut, entscheidend, sondern immer erst das, was man danach tut! …
Und doch ist es so, daß es immer nur auf den nächsten Schritt ankommt.”
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Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hg. A. Fris‚ Hamburg 1952, S. 735
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Unum, verum, bonum, pulchrum: Das Eine Absolute ist keine logische, es ist keine ethische, es ist eine ästhetische Idee. Es ist sogar die ästhetische Idee schlechthin. Was sollte denn, jenseits von seiner brauchbaren Richtigkeit, am Wahren besser sein als das Unwahre? Was sollte, jenseits von seinen gesellschaftlichen Vorteilen, am Guten besser sein als das Böse? Es ist genau das, was am Schönen schön ist: daß es ohne Interesse gefällt.
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“Ich glaube nicht, daß Gott da war, sondern daß er erst kommt. Aber nur, wenn man ihm den Weg kürzer macht als bisher!”
Se. Erlaucht wies das mit den würdigen Worten zurück: “Das ist mir zu hoch.”
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Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hg. A. Fris‚ Hamburg 1952, S. 1022:
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Alle Suche nach einem Prinzip wäre also wie ein Versuch, die Quadratur des Zirkels zu finden. (Perpetuum mobile. Stein des Weisen. Negative Erkenntnis. Die Vernunft wäre das Vermögen, einen solchen absoluten Gegenstand zu setzen und festzuhalten. Der durch die Einbildungskraft ausgedehnte Verstand.) Streben nach Freiheit wär also jenes Streben zu philosophieren, der Trieb nach der Erkenntnis des Grundes. Philosophie, Resultat des Philosophierens, entsteht demnach durch Unterbrechung des Triebes nach Erkenntnis des Grundes – durch Stillstehn bei dem Gliede, wo man ist – Abstraktion von dem absoluten Grunde und Geltendmachung des eigentlichen absoluten Grundes der Freiheit durch Verknüpfung (Verganzung) des zu Erklärenden zu einem Ganzen.
aus: Novalis, Fichte-Studien, in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 172f.
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Ich ist unbegreiflich, weil es schon, indem es ist, sein Begriff ist.
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Novalis, Fichte-Studien, in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 171
Ich bedeutet jenes negativ zu erkennende Absolute, das nach aller Abstraktion übrig bleibt. Was nur durch Handeln realisiert werden kann und was sich durch ewigen Mangel realisiert. (So wird Ewigkeit durch Zeit realisiert, ohnerachtet Zeit der Ewigkeit widerspricht.) Ich wird nur im Entgegengesetzten wirksam und bestimmt für sich.
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Novalis, Fichte-Studien, in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 173
Ich bin für mich der Grund alles Denkens, der absolute Grund, dessen ich mir nur durch Handlungen bewusst werde – Grund aller Gründe für mich, Prinzip meiner Philosophie ist mein Ich. Dieses Ich kann ich nur negativerweise zum Grund alles meines Philosophierens machen, indem ich so viel zu erkennen, zu handeln und dies so genau zu verknüpfen suche, als möglich; letzteres durch Reflexion. Je unmittelbarer, direkter ich etwas vom Ich ableiten kann, je erkannter, begründeter ist es mir.
Ergründen ist philosophieren..
Novalis, Fichte-Studien, in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 174
Ich kann die didaktische Poesie nicht für eine eigentliche Gattung gelten lassen, so wenig wie die romantische. Jedes Gedicht soll eigentlich romantisch und jedes soll didaktisch sein in jenem weitern Sinne des Wortes, wo es die Tendenz nach einem tiefen unendlichen Sinn bezeichnet. Auch machen wir diese Forderung überall, ohne eben den Namen zu gebrauchen. Selbst in ganz populären Arten, wie z. B. im Schauspiel, fordern wir Ironie; wir fordern, dass die Begebenheiten, die Menschen, kurz das ganze Spiel des Lebens wirklich auch als Spiel genommen und dargestellt sei. Dieses scheint uns das Wesentlichste, und was liegt nicht alles darin?
Friedrich Schlegel, aus: Gespräch über Poesie (1800)
Der Roman handelt vom Leben – stellt Leben dar. Ein Mimus wär er nur in Beziehung auf den Dichter. Oft enthält er Begebenheiten einer Maskerade – eine masquirte Begebenheit unter masquirten Personen. Man hebe die Masken – es sind bekannte Begebenheiten. Der Roman, als solcher, enthält kein bestimmtes Resultat – er ist nicht Bild und Factum eines Satzes. Er ist anschauliche Ausführung – Realisirung einer Idee. Aber eine Idee lässt sich nicht, in einen Satz fassen. Eine Idee ist eine unendliche Reihe von Sätzen – eine irrationale Größe – unsetzbar (musik[alisch]) – incommensurabel. (Sollte nicht alle Irrationalitaet relativ seyn?)
Das Gesetz ihrer Fortschreitung lässt sich aber aufstellen – und nach diesem ist der Roman zu kritisiren.
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Aus: Novalis, Dichtungen und Fragmente [Anekdote 212] Berlin 1989
S. 415
Jetzt lassen Sie uns von dem wahrhaftig Komischen sprechen! Wer mag denn die Ironie wegleugnen, die tief in der menschlichen Natur liegt, ja die menschliche Natur in ihrem innersten Wesen bedingt und aus der mit dem tiefsten Ernst der Scherz, der Witz, die Schalkheit herausstrahlen. [...] Die krampfhaften Zuckungen des Schmerzes, die schneidensten Klagetöne der Verzweiflung strömen aus in das Lachen der w
underbaren Lust, die eben erst von Schmerz und Verzweiflung erzeugt wurde. Die volle Erkenntnis dieses seltsamen Organism der menschlichen Natur möchte ja eben das sein, was wir Humor nennen und so sich das tiefe innere Wesen des Humoristischen, welches meines Bedünkens mit dem wahrhaft Komischen eins und dasselbe ist, von selbst bestimmen.
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E.T. A. Hoffmann, Seltsame Leiden eines Theater-Direktors, in: Werke, München1964, Bd.I, S. 654
Die Sokratische Ironie ist die einzige durchaus unwillkürliche, und doch durchaus besonnene Verstellung. Es ist gleich unmöglich, sie zu erkünsteln, und sie zu verraten. Wer sie nicht hat, dem bleibt sie auch nach dem offensten Geständnis ein Rätsel. Sie soll niemanden täuschen, als die, welche sie für Täuschung halten, und entweder ihre Freude haben an der herrlichen Schalkheit, alle Welt zum besten zu haben, oder böse werden, wenn sie ahnden, sie wären wohl auch mit gemeint. In ihr soll alles Scherz und alles Ernst sein, alles treuherzig offen, und alles tief verstellt. Sie entspringt aus der Vereinigung von Lebenskunstsinn und wissenschaftlichem Geist, aus dem Zusammentreffen vollendeter Naturphilosophie und vollendeter Kunstphilosophie. Sie enthält und erregt ein Gefühl von dem unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit
und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung. Sie ist die freieste aller Lizenzen, denn durch sie setzt man sich über sich selbst weg; und doch auch die gesetzlichste, denn sie ist unbedingt notwendig. Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn die harmonisch Platten gar nicht wissen, wie sie diese stete Selbstparodie zu nehmen haben, immer wieder von neuem glauben und missglauben, bis sie schwindlicht werden, den Scherz grade für Ernst, und den Ernst für Scherz halten.
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aus: Fragment 108 aus der Zeitschrift „Lyceum“ [1797]
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Aller wircklicher Anfang ist ein 2ter Moment. Alles, was da ist, erscheint, ist und erscheint nur unter einer Voraussetzung – sein individueller Grund, sein absolutes Selbst geht ihm voraus – muß wenigstens vor ihm gedacht werden. Ich muß allem etwas absolutes Vorausdenken – voraussetzen – nicht auch Nachdenken, Nachsetzen? [Vorurteil] Vorsatz. Vorempfindung. Vorbild. Vor Fantasie. Project.
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Aus: Novalis, Dichtungen und Fragmente, Leipzig 1989, S. 438
Kein Mensch von gesundem Verstande und gereiften Einsichten wird den besten Künstler so hoch schätzen, als den wackeren Kanzelisten, ja den Handwerksmann, der das Polster stopfte, worauf der Rat in der Schoßstube, oder der Kaufmann im Comptoir sitzt, da hier das Notwendige, dort nur das Angenehme beabsichtigt wird. Wenn man daher mit dem Künstler höflich und freundlich umgeht, so ist das nur eine Folge
unserer Kultur und unserer Bonhommie, die uns ja auch mit Kindern, und anderen Personen, die Spaß machen, schön tun und tändeln lässt. Manche von diesen unglücklichen Schwärmern sind zu spät aus ihrem Irrtum erwacht und darüber wirklich in einigen Wahnsinn verfallen, welches man ihren Äußerungen über die Kunst sehr leicht abnehmen kann. Sie meinen nämlich, die Kunst ließe den Menschen ein höheres Prinzip ahnen und führe ihn aus dem törichten Tun und Treiben des gemeinen Lebens in den Isistempel, wo die Natur in heiligen, nie gehörten und doch verständlichen Lauten zu ihm spräche.
Von der Musik hegen die Wahnsinnigen nun vollends die wunderlichsten Meinungen; sie nennen sie die romantischste aller Künste, da ihr Vorwurf nur das Unendliche sei.
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E. Th. A. Hoffmann, aus: Fantasie- und Nachtstücke, München 1960; S. 39
…auf das Wahre?
Aber was wäre am Wahren besser als das Falsche – es sei denn, es ließe sich im praktischen Leben besser zu sachlich Nützlichem verwerten?
…auf das Gute?
Aber was wäre am Guten besser als das Schlechte – es sei denn, wer Gutes tut, der könnte auch hoffen, dass Andere ihm Gutes täten? Also besser als seine soziale Nützlichkeit?
…auf das Schöne?
Das muss es sein! Denn es teilt, unerachtet aller Nützlichkeiten, dem Wahren und dem Guten diese seine besondere Qualität mit: dass sie alle ‘ohne Interesse gefallen’.
“Frei sein ist die Tendenz des Ich – das Vermögen, frei zu sein, ist die produktive Imagination – Harmonie ist die Bedingung ihrer Tätigkeit – des Schwebens zwischen Entgegengesetzten. Sei einig mit dir selbst ist also Bedingungsgrundsatz des obersten Zwecks: zu sein, aber frei zu sein. Alles Sein, Sein überhaupt ist nichts als Freisein – Schweben zwischen den Extremen, die notwendig zu vereinen und notwendig zu trennen sind. Aus diesem Lichtpunkt des Schwebens strömt alle Realität aus – in ihm ist alles enthalten – Objekt und Subjekt sind durch ihn, nicht er durch sie.
Ichheit oder produktive Imaginationskraft, das Schweben bestimmt, produziert die Extreme, das wozwischen geschwebt wird. Dieses ist eine Täuschung, aber nur im Gebiete des gemeinen Verstandes. Sonst ist es etwas durchaus Reales; denn das Schweben, seine Ursache, ist der Quell, die Mater aller Realität, die Realität selbst.”
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Novalis, Fichte-Studien, in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2; S. 170
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…hindert daher nicht, dass wir frei und selbsttätig handeln, und als frei handelnde Wesen, die ihre Bestimmungen in sich selbst durch sich selbst nur haben, sind wir selbst nicht nur notwendig unser Ziel, sondern ebenso notwendig auch überall schon am Ziele. Unser Ziel nämlich ist nirgends als in der Gegenwart unsers Handelns, d. i. in aller Zeit überhaupt: denn so bestimmt sich der Augenblick durch das Verhältnis unsers Handelns. Dieses selbst also ist unser Ziel, als eine ewig in sich fortgehende freie Erweiterung. Darum kann es auch kein höheres Gesetz für uns geben als dieses unser Handeln; und sein Ausdruck ist der: sei tätig überhaupt und schaffe in der Harmonie deiner Kräfte.
[August Wilhelm Hülsen] Über die natürliche Gleichheit der Menschen in: Athenaeum, II. Bd., 1. Stück
Man kann Humor haben, ohne intelligent zu sein. Doch kann man intelligent nicht sein ohne Humor.
Scharfsinnig kann man auch ohne Humor sein. Scharfsinn ist das Vermögen, Unterschiede zu erkennen, die nicht ins Auge springen.
Intelligenz ist Gedächtnis plus Humor. Allein das Gedächtnis bildet den Sinn für die Unterschiede. Der Humor sieht Bezüge dort, wo man sie nicht erwartet.
Gedächtnis kann man trainieren. Humor nicht. Doch der will unterhalten werden.
Einiges muss die Philosophie einstweilen auf ewig voraussetzen, und sie darf es, weil sie es muss.
Es scheint, daß der brave, praktische Wirklichkeitsmensch die Wirklichkeit nirgends restlos liebt und ernst nimmt. Als Kind kriecht er unter den Tisch, um das Zimmer der Eltern, wenn sie nicht zu Hause sind, durch diesen genial einfachen Trick abenteuerlich zu machen; als Knabe sehnt er sich nach der Uhr; als Jüngling mit der goldenen Uhr
nach der zu ihr passenden Frau; als Mann mit Uhr und Frau nach der gehobenen Stellung; und wenn er glücklich diesen kleinen Kreis von Wünschen zustande gebracht hat und ruhig darin hin und her schwingt wie ein Pendel,
scheint sich sein Vorrat unbefriedigter Träume um nichts verringert zu haben. Wenn er sich erheben will, so gebraucht er dann ein Gleichnis – denn es kommt ihm anscheinend nur darauf an, etwas zu dem zu machen, was es nicht ist; was wohl ein Beweis dafür ist, daß er es nirgends lange aushält, wo immer er sich befinde.
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Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1952, S. 138f.
Vanitas! Vanitatum vanitas!
Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt.
Juchhe!
Drum ist’s so wohl mir in der Welt.
Juchhe!
Und wer will mein Kamerade sein,
Der stoße mit an, der stimme mit ein
Bei dieser Neige Wein.
…
Nun hab ich mein Sach auf Nichts gestellt.
Juchhe!
Und mein gehört die ganze Welt.
Juchhe!
Zu Ende geht nun Sang und Schmaus.
Nur trinkt mir alle Neigen aus;
Die letzte muß heraus!
Goethe
.„…es gibt einen Kreis von Fragen, der einen großen Umfang und keinen Mittelpunkt hat: und diese Fragen heißen alle ‚wie soll ich leben?’“ Sie zuckte die Achseln. „Man muß es versuchen!“ sagte sie.
„…dass ein formloses Leben die einzige Form ist, die den vielfältigen Willen und Möglichkeiten entspricht, von denen das Leben erfüllt ist.“
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Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“, Hamburg 1952, S. 895
“Was tu ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund nach, dem Philosophieren liegt also ein Streben nach dem Denken eines Grundes zu Grunde. Grund ist aber nicht Ursache im eigentlichen Sinne, sondern innere Beschaffenheit – Zusammenhang mit dem Ganzen. Alles Philosophieren muss also bei einem absoluten Grunde endigen. Wenn dieser nun nicht gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit enthielte, so wäre der Trieb zu philosophieren eine unendliche Tätigkeit und darum ohne Ende, weil ein ewiges Bedürfnis nach einem absoluten Grunde vorhanden wäre, was doch nur relativ gestillt werden könnte – und darum nie aufhören würde. Durch das freiwillige Entsagen des Absoluten entsteht die unendliche freie Tätigkeit in uns – das einzig mögliche Absolute, was uns gegeben werden kann und das wir durch unsre Unvermögenheit, ein Absolutes zu erreichen und zu erkennen, finden. Dies uns gegebene Absolute lässt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, dass durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen.
Das ließe sich ein absolutes Postulat nennen.”
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Novalis, Fichte-Studien, in: Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 172
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